„Das ist Google-Mania“

3 Posted by - 1, 12. März 2014 - Artikel
[sc:vorspann ]Am 3.4. kommt Rainald Grebe mit seinem Album „Berliner Republik“ in die OsnabrückHalle. Ein Blick auf die – nicht nur politische – Hauptstadt-Szene. Zu der er sich selbst zählt.[sc:/div ]

Was ist Ihnen wichtiger: Politik oder Musik?
Puh, das ist ja eine Frage … Kann ich gar nicht beantworten, ich bin ja kein Politiker. Dann also: Musik.

Ihr neues Programm heißt „Berliner Republik“. Auf dem Plakat zum Programm sind Sie als Indianer zu sehen, der das Brandenburger Tor aufspießt. Entschlüsseln Sie uns bitte diese Metapher.
Das stammt aus einem ganz alten Song von mir, in dem es heißt: „Ich sitz’ in meiner Kutsche auf dem Brandenburger Tor / dresche auf die Gäule ein / es geht keinen Meter vor“. Das ging immer in meinem Kopf herum. Ich plustere mich auf dem Plakat ja zu einem Denkmal auf, das über sein Land nachdenkt – und sieht, dass eigentlich nichts passiert und überall Stillstand ist.

Was stört Sie an der „Berliner Republik“? 
Wahrscheinlich, dass ich keine Ahnung von Politik habe, obwohl ich immer Zeitung lese – das ist ganz verflucht. Ich werde da nicht schlau draus, und so kommen solche Lieder zustande. Dann darf ich auch immer Sachen lesen, die anscheinend geheim sein – ob das jetzt NSA ist oder Edathy – und ich verstehe das trotzdem nicht, mir fehlt da was. Ich bin `ne arme Wurst. So.

Gibt es auch etwas, dann Ihnen an den Berliner Politikern gefällt?
Ich habe vor zwei Jahren mal im Rahmen eines Projekts ein halbes Jahr lang Lokalpolitiker aus allen Parteien kennen gelernt. Da habe ich wirklich den Hut vor gezogen, wenn die sich für eine Tempo-30-Zone einsetzen oder so. Das ist so anstrengend, das möchte ich nicht machen. Da habe ich Respekt vor gehabt, sich mit Anwohnern und Gesetzten rumschlagen – da bin ich als verantwortungsloser Künstler fein raus.

In Ihrem neuen Song „Bundestagswahl“ betrachten Sie die Lifestyle-Kultur der Berliner Republik. Unter anderen singen Sie: „Brunchen heißt, Tomate Mozzarella mit Pesto und Jack Johnson“. Da ist alles gesagt. Wie kommen Sie auf solche genauen Alltagsbilder?
Ich sitze da ja selber herum. Das ist mein Kiez, mein  Klientel. Ich nehme mich da nicht raus.

Damit alle Fans beruhigt sind: Spielen Sie auf der kommenden Tour auch Klassiker wie „Brandenburg“, „Die Familie Gold“ oder „Manfred“?
Es gibt ja einen Zugabenblock und der ist meistens sehr lang! Da wird das eine oder andere kommen.

Sie gehen wieder mit dem „Orchester der Versöhnung“ auf Tournee. Was ist da anders als beim Solo-Konzert?
A, dass es zehn Leute sind und b, dass das Orchester neu besetzt ist – wir haben statt Streicher jetzt Bläser. Das ist eine ganz andere Musik. Funky, funky!

Wenn man Ihren Namen googelt, steht unter ihrer Homepage: „Offizielle Website des eigenwilligen Künstlers“. Warum sind Sie eigenwillig? Ist da gut oder schlecht?
Was??? Was steht da?! So würde ich mich nie bezeichnen! Das ist Google-Mania.

Apropos Google. Am 23. Mai startet ihre theatrale Langzeitstudie „Das Anadigiding“ im Schauspielhaus Hannover. Was genau passiert da? Spielen Sie mit?
Ja, ich werde mitspielen, aber was da genau passiert, wird sich in den vier Probenwochen ergeben. Wir werden uns dem Thema Analog/Digital nähern und einen großen Bogen vom Mittelalter aus schlagen. Wir werden uns die ersten Schnittstellen von Technik und Mensch anschauen: die Eisenbahn, das Telefon …  

Sie sagen, dass Sie „im Auftrag der Zwischengeneration“ den Wandel vom Analogen zum Digitalen beschreiben wollen. Warum ist das notwendig?
Ob das notwendig ist, glaube ich nicht. Aber ich habe überlegt, was mein Thema ist und da bin ich auf dieses Thema als Thema meiner Generation gekommen. Ich komme aus einer Generation, die eben noch beides erlebt hat, im Gegensatz zu 15-jährigen. Und ich bin ein altmodischer Mensch, ich neige immer eher zum Älteren. Ich bin ein Technikverweigerer und habe im Grund keine Ahnung von Computern. Deshalb mache ich „Das Anadigiding“ wohl auch – weil ich so hinten dran bin und eher von dem Alten Ahnung habe.

Mal ein Test, wie fit Sie digital sind: Können Sie sich Ihre eigenen Songs downloaden?
Es gibt iTunes, oder? Da habe ich schon mal was bestellt.

Haben Sie „What’s App“ installiert?
Nee, aber ich habe mir jetzt ein iPhone angeschafft. Vorher hatte ich so einen alten Knochen, der nicht mal Fotos machen konnte. Jetzt google ich ständig – das ist schon eine richtige Sucht. Ich schmeiße es wohl wieder weg.

[sc:div_autor ]Interview Mario Schwegmann | Foto Gesa Simons[sc:/div ]