Der Osnabrücker des Jahres

1 Posted by - 1, 22. Oktober 2014 - Artikel

Der DJ und Producer Robin Schulz räumt derzeit alles ab. Mit seinen Remixes der Singles „Waves“ und „Prayer In C“ war er in Deutschland und weiteren 17 Ländern auf Platz 1 der Charts. Bald sind die USA fällig. Doch was ist das eigentlich für einer, dieser 27-Jährige, zu dessen Hits alles tanzt?

Es ist kurz vor zwei Uhr nachts, als Robin Schulz beginnt aufzulegen. Zuvor hat Dan Sir die Partycrowd mit Deep House auf Betriebstemperatur gebracht. Etwa 500 für die Nacht gestylte Männer und Frauen tanzen auf dem mit Sand ausgelegten Dancefloor. Heute, am ersten September-Samstag, steigt eine der letzten Open-Air-Partys im „Lachender Hans“, einer von den „Lausbuben“ geschaffenen temporären Sommer-Location auf dem Gelände hinter dem Works. Ausgerichtet wird die Party heute vom Osnabrücker Veranstaltungslabel SoundBoutique – und Robin Schulz ist der Special Guest. Der zurzeit gefragteste DJ Europas hat zwei Tage vorher noch in London mit David Guetta beim iTunes-Festival aufgelegt und muss in ein paar Tagen auf Ibiza performen. Dazwischen gibt er ein Heimspiel im Fledder.

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Der Osnabrücker, 27 Jahre alt, der gerade mit seiner Freundin vom Schinkel auf den Westerberg gezogen ist, erlebt die Zeit seines Lebens. Mit seinem Sommer-Megahit „Prayer In C“ ist er zum erfolgreichsten deutschen Single-Act des Jahrzehnts im Ausland geworden. In 40 Ländern war der Song auf Platz 1 der Charts, das Video zur Single zählt mittlerweile über 32 Millionen YouTube-Views – mit steigender Tendenz. Und die globale Erfolgsstory geht weiter: In Kürze wird der US-Markt in Angriff genommen. Bernd Dopp, Chairman & CEO Warner Music Central Europe, dem deutschen Label von Robin Schulz: „Wir gratulieren Robin zu diesem wirklich außergewöhnlichen Erfolg, der sich durch die Veröffentlichung durch Atlantic Records in den USA noch vergrößern wird. Ich bin davon überzeugt, dass Robin damit auch vielen anderen Künstlern aus Deutschland das Tor weit aufgestoßen hat“.

Zurück im „Lachender Hans“. Robin Schulz trägt eine schwarze Baseball-Cap, sein Markenzeichen, Jeans und ein weißes T-Shirt, auf dessen Rückseite „Dope As Fuck“ steht. „Ist das jetzt Robin?“, fragt eine aufgeregte Tänzerin, die erstmals hier ist. „Ja, ist er“, bestätigen die Insider. Mit einem Intro startet der Osnabrücker sein DJ-Set, das gut zwei Stunden dauern wird. Er klatscht in die Hände, groovt zum eigenen Beat, animiert das Publikum zum Mitmachen und hat nach einer Minute die Leute im Sack. Die Amerikaner nennen das einen „Crowdpleaser“ – Robin Schulz weiß, wie man Party macht. Und er legt verdammt gut auf. House. Entspannten, tanzbaren, Disco-inspirierten House. Gleich zu Beginn seines Sets (Bands würden Auftritt dazu sagen) spielt er einen Remix von Banaramas „Cruel Summer“ und gleitet traumhaft ­sicher rüber zu einer aufgemotzten Version von Vanilla Ice’s „Ice Ice Baby“, aus der wiederum ein fluffiger unwiderstehlicher Beat entwächst. Wohin man schaut, glückliche Gesichter. Nur die ewigen Auf-der-Tanzfläche-Steher-und-Selfies-Knipser nerven. Aber einmal ein Foto von Robin auf dem Samsung haben, das ist halt cool.

Wer „Prayer In C“ googelt, erhält zurzeit ca. 132 Millionen Ergebnisse. Nur zum Vergleich: Wer Helene Fischer googelt, wird mit ‚nur’ einer Million vertröstet. „Prayer In C“ lief den Sommer über jeden Tag auf so ziemlich jedem Radiosender, ob 1Live oder Hit Radio Antenne, es ist der Soundtrack dieses Jahres. Robin Schulz hat ihn zufällig beim Stöbern im Netz entdeckt. „Ich höre einfach gerne Musik und suche ständig auf YouTube oder Soundcloud nach interessanten Songs, die ich remixen kann. So habe ich „Prayer In C“ entdeckt“.“ Auch seinen ersten Hit, „Waves“, hat er so gefunden. Der stammt im Original vom niederländischen Rapper Mr. Probz. „Prayer In C“ von dem französischen Duo Lilly Wood & The Prick, ein poppiger Folksong mit einer verträumten Gitarrenmelodie. Robin Schulz hat den alten Gitarrenpart und den Gesang übernommen, der Rest ist seine Kreation: Beat, Synthies, die Neuausrichtung des Songs als entspannter Dance-Track. Eher Ibiza als Berlin. Fertig ist der Welthit.

Wer den Erfolg von Robin Schulz verstehen will, muss wissen, dass DJs die neuen Rockstars sind. Erst gab es Elvis, dann die Beatles und Stones (die’s immer noch gibt), dann die Supergroups der 70er wie Led Zeppelin, dann Pop-Ikonen wie Michael Jackson, dann Boybands und so weiter. Und heute, 2014, sind DJs das große Ding. David Guetta, Calvin Harris, Avicii, Paul Kalkbrenner … Sie spielen keine E-Gitarre oder sitzen hinter’m Schlagzeug – sie beherrschen die Kunst des Remixens und Editierens und sind Virtuosen am Rechner. Ihre Instrumente sind Midi-Controller und Software-Programme, mit denen man fast alles produzieren kann, vom Beat bis zur E-Gitarre. Diese Top-DJs sind Global Player und legen weltweit auf. One-Man-Shows mit Millionen-Umsätzen durch Downloads und Single/Album-Verkäufe. In dieser Liga bewegt sich nun auch Robin Schulz. Der dabei immer noch Fan ist: „Es ist total cool, dass mich jetzt Leute wie Oliver Koletzki grüßen und ‚Du’ sagen, wenn wir auf dem gleichen Event auflegen.“

Ein letztes Mal zurück zum „Lachender Hans“. Die Stammgäste feiern Robins DJ-Set wie den Besuch eines alten Kumpels. Und sie sagen stolz: „Wir haben schon letzten Sommer hier zu ‚Prayer In C’ getanzt!“ Denn seinen Megahit hat Robin Schulz bereits im Sommer 2013 im „Lachender Hans“ getestet und für gut befunden. Gut möglich, dass die Party-Community heute schon den Hit des Sommers 2015 untergejubelt bekommt. „Robin hat einfach Talent“, sagt ein föhnfrisierter Tänzer, „der macht aus jedem Sample einen Hit.“

Angefangen hat dieses DJ-Ding, als Robin Schulz 17 war. Da ist er ins Underworld in die Buersche Straße getigert, wo heute der Bastard Club ist, und hat erstmals DJs gelauscht. Kurz danach gab’s den eigenen Technics-Plattenspieler, und „ab da habe ich aufgelegt“. Später organisiert er eigene Elektro-Partys. Größer wird die Sache rund zehn Jahre später, als Robin Schulz Teil der „Lausbuben“-Residents wird. Die Lausbuben: Eine über Osnabrück hinaus bekannte Marke, hinter der die beiden DJs Daniel Bruns (Dansir) und Christopher Noble stehen. 2011 haben sie die „Lausbuben“ als Party­reihe für den Mondflug ins Leben gerufen. Später folgte der Umzug ins Kesselhaus (Ex-Con3), Open Air-Partys am Industriekulturmuseum oder auf dem Ziegenbrink oder der „Kuckuck“-Club im ehemaligen Works, der dann später im Außenbreich zum „Lachenden Hans“ wurde. Zuletzt haben die Lausbuben im Winter 2013 den Club „Dr. Vogel“ eröffnet. „Robin ist zu uns gestoßen, als wir im Kesselhaus waren“, erinnert sich Daniel. „Er hat sich um ein DJ-Set beworben und ist danach sofort Resident geworden. Mit seinem melodischen House hat er bei uns eine Lücke gefüllt“.

Daniel Bruns ist ebenfalls ein bekannter DJ, der zwischendurch auch nach Barcelona jettet, um dort aufzulegen. Und er produziert erfolgreich House-Tracks. Zusammen mit Christopher Noble und Robin Schulz hat er das Label „Lausbuben Records“ gegründet. Die erste Single, „Never Know Me“, war auf diversen Compilations zu hören und wurde für TV-Serien als Hintergrundmusik verwendet. Alle drei Lausbuben haben sich dem House verschrieben, mal knackiger, mal loungiger. „Es gibt für mich nichts Geileres, als die Leute beim Auflegen zum Ausflippen zu bringen“, sagt Daniel Bruns. „Es muss rocken, es muss Spaß machen.“
„Never Know Me“ ist auch auf Robin Schulz’ mit Spannung erwartetem Debütalbum „Prayer“, das Mitte September erschienen ist. Mit unveröffentlichten Eigenproduktionen, Remixen von Songs von Clean Bandit, Lykke Li oder Coldplay – jetzt bitten schon die ganz Großen um eine Dance-Version von Robin. Auch zwei weitere Osnabrücker DJs sind auf dem Album mit einem Track vertreten: Stil & Bense. Mit ihrem Song „Whatever“. Thomas Kunde (alias Stil) kennt Robin schon lange, sie haben zusammen aufgelegt und Stil & Bense werden ebenfalls vom Kölner Label Tonspiel gemanagt. Der Erfolg von Robin ist für ihn kein Zufall. „Ich lege auch international auf, und immer, wenn ich einen Track von Robin in mein DJ-Set einbaue, reagieren die Leute darauf besonders intensiv. Robins Musik geht unter die Haut, er hat ein Händchen dafür, die Massen zu begeistern.“ Thomas Kunde ist sich sicher, dass Robin Schulz einen Wechsel einleiten wird in der Electronic Dance Music (EDM). „Die ganze Fachpresse sieht ihn als Vorreiter eines neuen EDM-Stils.“

„Um ein Live-Set zu erstellen, brauche ich
locker so drei Monate.“

Und Robin Schulz bastelt schon fleißig an weiteren Hits. Seit kurzem wohnt er am Westerberg und hat sich in seiner neuen Wohnung ein nettes Studio eingerichtet. „Um ein Live-Set zu erstellen, brauche ich locker so drei Monate.“ Wenn DJs Live-Set sagen, meinen sie damit ein rund zweistündiges durchkomponiertes Programm: eigene Ideen und Sounds, Remixe, Beats – alles, wozu man schön tanzen kann. Vor Ort im Club, also live, wird dieses Programm dann durch diverse Effekte ergänzt: Jeder House-Tänzer kennt den Trommelwirbel, der einen Wahnsinnsgroove ankündigt. Oder das Herausfaden der Höhen, damit die Bässe schön wummern. Wenn Robin Schulz auflegt, dreht und drückt er an vielen Knöpfen.

Der Sommer 2014 scheint erst der Anfang zu sein. Clubs, Events, Festivals, Magazine, Radio-Sender, Blogger, Veröffentlichungen in den USA … Alle wollen Robin Schulz. Den Osnabrücker des Jahres. Der bei all dem Hype mit den Füßen auf dem Boden bleibt und zwar in seiner Heimatstadt: „Ich bleibe definitiv Osnabrücker! Meine Familie wohnt hier, alle meine Leute sind hier – wie heißt es doch: ‚Zum Glück aus Osnabrück’“, sagt er und lacht entspannt.

SONG DER SUPERLATIVE
„Prayer In C“ hat nicht nur die internationalen Singlecharts, sondern auch die Geschichtsbücher geentert.
  • In 40 Ländern war der Song auf Platz 1 der Single-Charts
  • In 24 Ländern in den Top 10 der iTunes-Charts
  • In Deutschland war „Prayer In C“ zugleich Platz 1
    der Single-, der iTunes-, der Amazon MP3-, der Dance-, der Streaming- und der Spotify-Charts
  • In 17 Ländern war er auf Platz 1 sowie in 12 Ländern in den Top 10 der nationalen Charts
  • In Deutschland, Schweden, Dänemark und der Schweiz wurde „Prayer In C“ mit Platin ausgezeichnet, in Australien, Österreich, Belgien und Italien mit Gold
  • Das Video zur Single zählt mittlerweile über 32 Millionen YouTube-Views – mit steigender Tendenz
  • Während der STADTBLATT-Produktion stieg die Zahl der Spotify-Zugriffe auf den Song täglich um etwa zwei Millionen – am Schluß waren es 77 Millionen
  • Damit ist der Osnabrücker der Künstler aus Deutschland mit dem weltweit größten Erfolg in diesem Jahrzehnt

Text | Fotos Mario Schwegmann