One Billion Rising

1 Posted by - 1, 25. Januar 2014 - Artikel
  AUS STADTBLATT FEBRUAR 2014  

Tanz, tanz, tanz aus der Reihe

[sc:vorspann ]14. Februar 2014, Valentinstag. Es ist Zeit für die legendäre Tanzdemo zu One Billion Rising – für eine Welt ohne Gewalt. Diesmal baut Osnabrück eine dreiwöchige Veranstaltungsreihe drumherum: „Eine Stadt steht auf“. Initiatorin Martina Scholz erzählt, wie es dazu kam.[sc:/div ] Ano is a no is a no“, singt Alin Coen, „Would you please let me go / You pushed too far / What a monster you are / You’re ignoring the shock that I show.“ perfekt also, Coen zur Schirmfrau des Osnabrücker Beitrags zu One Billion Rising 2014 zu machen. 2012 von der New Yorker Künstlerin und Feministin Eve Ensler ins Leben gerufen, mobilisiert die weltweite Großdemonstration für ein Ende der alltäglichen Gewalt gegen Frauen und Mädchen jedes Jahr Empörte in fast allen Ländern der Welt. Wobei die Billion natürlich us-amerikanisch zu verstehen ist – als Milliarde.

So groß ist, rein rechnerisch, die Zahl der Gewaltopfer unter Frauen und Mädchen – jede dritte Frau erlebt diesen Schock mindestens einmal in ihrem Leben. Dass auch Osnabrück Teil der One Billion Rising-Solidarisierung ist, ist das Verdienst von Martina Scholz: „Ich hab damals einfach losgelegt, wie das so meine Art ist, wenn mich was bewegt.“ Mittlerweile ist sie der Kopf eines Organisationsteams, dass sich das ganze Jahr hindurch trifft, einmal pro Monat.

Resultat, letztes Jahr: über 700 Demo-Teilnehmer. Spontaner Tanz. Flashmobartig. Globalvernetzt. Reichlich Motivation, noch einen Schritt weiterzugehen. Also hat Martina Scholz für 2014 gleich eine ganze Veranstaltungsreihe auf die Beine gestellt. Sowas kann sie gut: Scholz arbeitet in der Lagerhalle, als Kulturplanerin. Zwei Dutzend Termine stehen bis jetzt fest, vom 5. bis zum 23. Februar. Konzert und Theater, Vortrag und Film, Ausstellung und Infostand.

„Wir sind übrigens bis jetzt bundesweit die einzigen, die mehr planen als eine Tanzdemo“, erzählt sie. „Meine Idee ist, auf diesem Weg die ganze Friedensstadt Osnabrück auf irgendeine Art einzubinden und ein sehr großes Spek­trum an Menschen zu erreichen und nicht nur die üblichen Verdächtigen, die sich eh mit dem Thema befassen.“ Und das funktioniert. „Wo immer wir anriefen, war es das gleiche Bild: Die Leute wussten um was es geht und waren sofort bereit, sich zu beteiligen. Erstaunlich. Das hatte ich in dieser Breite nicht erwartet.“

70 Unterstützer-Intitutionen hat sie bis jetzt beisammen. Und 30, die selbst aktiv werden. Die Liste ist lang, und sie wird immer länger: Vom Büro für Friedenskultur bis zur Musik & Kunstschule, vom Frauenhaus bis zur Heilpädagogischen Hilfe, vom Bund Bildender Künstler bis zum TSG Burg Gretesch, vom Mädchenzentrum bis zu Terre des hommes, von der VHS bis zum VfL, von der Stadtbibliothek bis zur Bürgerstiftung, vom Aktionszentrum 3. Welt bis zum UNI Referat für Lesben und andere Frauen…

Warum eine solche Konzertierung gerade in Osnabrück so gut funktioniert? Scholz: „Wir haben hier schon eine besondere Infrastruktur. Da können sich Kooperationen ergeben, die wären anderswo so gar nicht möglich. Dass die Katholische Familienbildungsstätte im selben Boot sitzt wie die Aidshilfe…“ Besonders gewöhnungsbedürftig: Die Teilnahme der Polizei. Ob sich dadurch wirklich die noch immer hohe Hemmschwelle abbaut, Übergriffe anzuzeigen?

Besonders herausfordernd: der Critical Whiteness-Workshop des SubstAnZ – Reflexion weißer Privilegien anhand ausgewählter Texte. Besonders pikant: Die Ausstellung „Gewaltfreie Zone: Neue Wege – ohne Gewalt“ in der OsnabrückHalle – sie findet zeitgleich zur legendär erotikgeladenen Accordium-Herrensitzung dort statt, Nummerngirl Holly inklusive.

Um zu erfahren, wie Osnabrück das macht, hat Martina Scholz im Augenblick oft Besuch. Gerade war jemand aus Münster da – Besuch Nummer 40. „Viele haben eben keine Erfahrung, wie man so was organisiert. Anträge, Presse, GEMA-Gebühren… Da geben wir dann ein bisschen Hilfestellung.“ Die Folge: „Im Moment geh ich ganz schön auf dem Zahnfleisch. Aber im Sommer tank ich dann auf.“ Das ist auch nötig: Gleich nach den Sommerferien fängt die Vorbereitung für 2015 an. Ach ja, einen Schirmherrn gibts auch: Oberbürgermeister Wolfgang Griesert.

INFO: onebillionrisingosnabrueck.wordpress.com

„Wir engagieren uns ständig dafür, über das Thema Gewalt gegen Frauen aufzuklären und arbeiten auch eng mit dem Fachzentrum ,Faust‘ des Diakonischen Werks und mit der Frauenberatungsstelle zusammen. Wir planen Aktionen für Veranstaltungen, wie z.B. den Anti-Gewalttag und waren schon letztes Mal bei One Billion Rising dabei. Für uns war es selbstverständlich, wieder teilzunehmen. Aktionen wie diese sind wichtig, um in den Leuten das Bewusstsein für solche Themen zu wecken.“
Monika Holtkamp, Polizeiinspektion Osnabrück, Präventionsteam

„Das Thema Gewalt gegen Frauen wird Gott sei Dank immer präsenter und ist stärker diskutiert als zuvor. Der Vorfall in Indien, wo das junge Mädchen von sechs Männern vergewaltigt wurde, hat meine Frau und mich noch mal besonders aufmerksam gemacht. Er hat uns nachdenklich gestimmt. Jetzt setzen wir uns stärker mit dem Thema auseinander.“
Helmut Thiele, Thiele-Neumann-Theater

„Uns ist es besonders wichtig, dass das Thema Gewalt gegen Frauen in der Öffentlichkeit besprochen wird, deshalb finden wir solche Aktionen sehr gut. Meine Kollegin Andrea Gebbe und ich arbeiten mit Tätern häuslicher Gewalt und machen immer häufiger auch gute Erfahrungen. Die Täter sind motiviert, an sich zu arbeiten. Es werden wirklich Fortschritte auf dem Gebiet gemacht.“
Hans Ludger, Dipl. Pädagoge im Fachzentrum „Faust“ des Diakonischen Werks

„One Billion Rising ist eine schöne und andere Art, Leuten die Problematik Gewalt gegen Frauen näher zu bringen. Auch der Zweck unserer Institution ist es, das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen. Als Zufluchtsstelle für Frauen und ihre Kinder sind wir permanent mit dem Thema befasst, aber es ist wichtig, dass es auch zu Menschen durchdringt, die nicht täglich damit zu tun haben.“
Anne Löckener, Sozialpädagogin im Frauenhaus

„Es macht Spaß, One Billion Rising mit so vielen Institutionen und Leuten zu planen. Das gibt einem ein stärkendes Gefühl, wenn so viele aktiv werden. Vor allen Dingen weil wir sonst eher die Erfahrung machen, dass die Menschen wenig über das Thema sprechen wollen. Für mich persönlich ist One Billion Rising ein Signal dafür, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“
Katharina Wittenbrink, Sozialpädagogin und Traumaberaterin der Frauenberatungsstelle

„Der Arbeitskreis Mädchenarbeit möchte sich daran beteiligen, ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen zu setzen und zeigt damit Solidarität mit anderen Frauen. Durch unsere Aktion ,Puppenhaus‘ wollen wir die Menschen zum Nachdenken anregen und das Thema Gewalt gegen Frauen enttabuisieren.“
Michaela Teuber, Arbeitskreis Mädchenarbeit

[sc:div_autor ]Von Harff-Peter Schönherr | UMFRAGE MAGDALENA ALTING | Foto Livia Frevert[sc:/div ]