Popsalon5: Tag 1

2 Posted by - 1, 11. April 2014 - Artikel, STADTBLATT präsentiert

Der Popsalon ist eröffnet

[sc:vorspann ]Mit den Konzerten von Anna Aaron in der Lagerhalle und Messer in der Kleinen Freiheit begann gestern das dreitägige Club-Festival. Ein mitreißender Auftakt.[sc:/div ]

Als sie ihren Haarreifen wegschmeißt, geht es richtig los. Die aus Basel stammende Anna Aaron (Foto oben) entschließt sich dazu, ihren Elektropiano-Pop in Richtung Heavyindierock auszuweiten. Das überrascht so machen, der ihre Musik bislang nur von CD oder iPad kennt und auf Elektropiano-Pop OHNE Heavyindierock eingestellt ist. Eine Überraschung. Anna Aaron ist nämlich so etwas wie ein aktiver Vulkan: Von außen scheinbar harmlos, aber drinnen brodelt es. Wie sie da an ihrem Piano steht und noch zwei weitere Keyboards mit allerelei Effekten bedient, das hat zunächst etwas von Musikstudium. Aber dann kommen diese Songs, die sich aufbauen und auftürmen – aus Melodien werden Wände, aus zarten Beats ein Bigbeat, zu dem die Lagerhalle tanzt. Und es wird klar, warum Anna Aaron zum Popsalon eingeladen wurde. Weil hier Bands spielen, die abseits allzu gewohnter Pfade wandern. Wie Anna Aaron.

Mit ihrer Band entwickelt sie aus klassich anmutenden Pop, wuchtigen Garagenrock und massiven Beat-Attacken einen Sound, der jederzeit überraschend cool ist. Einen großen Beitrag dazu leistet Gitarristin Emily Zoé Péleraux. Die hantiert mit ihren Effektgeräten, schüttelt das lange Haar und fräst präzise Miniriffs in die komplexen Strukturen der Bandleaderin. Richtig abgefahren ist die Sache, wenn Anna Aaron zu ihrem Mikrofonständer-Mikrofon noch ein zweites Mikrofon zur Hand nimmt und kleine Gesangs-Fetzten aufnimmt und diese als Loop spontan in ihre Songs einbaut.

Man wünschte sich, Depeche Mode wären hier, um zu erleben, was man mit Synthezisern und Laptops alles machen kann. Am Ende zieht Anna Aaron sogar ihre Jacke aus und steht da im Pailleten besetzen Top und das Popsalon-Publikum sieht ihre kryptischen Tattoos. Noch so eine Sache, die man nicht erwartet hätte. Nach zwei Zugaben, die letzte alleine am E-Piano, ist die Show zu Ende und die Schweiz steht eindeutig besser da als zuvor. Mit einem „Danke, Osnabrück“ verschwindet Anna Aaron auf ihren roten Ballerinas hinter der Bühne. Später steht sie dann noch, samt Band, am Merchandising-Stand und wird von kontaktfreudigen Fans belagert.

Mit Anna Aaron ist der Popsalon 2014 eröffnet. Tag 1 des dreitägigen Festivals, der Donnerstag, ist ein softer Auftakt. Zwei Bands stehen auf dem Programm. Neben der Schweizerin sind das Messer aus Münster. Und da die in der Kleinen Freiheit spielen, setzt sich die Popsalon-Community jetzt in Bewegung, um die Location zu wechseln. Eine halbe Stunde später sieht man dann viele bekannte Gesichter in der Freiheit wieder. Und gegen 22.30 Uhr gehen Messer auf die Bühne. Im wahrsten Sinne des Wortes.

MesserDie Band hatte sich vorher unters Volks gemischt und kkommt nun ganz entspannt aus den Tiefen des Raumes ins Rampenlicht. Dazu läuft als Intro ein Lied von Hildegard Knef, „Illusionen“. Ein bedeutungsschwangerer Einstieg, heißt es bei der Knef doch: „Illusionen, Illusionen, sind das Schönste auf der Welt. Illusionen, Illusionen, sie sind das, was uns am Leben hält.“ Während man noch analysiert, was der Song einem sagen soll und was das alles mit Messer zu tun hat, fährt Bassist Pogo McCartney seinen Bass hoch. Und das ist ein alles nieder brummender angry Bass. Dann steigt der Rest der Band ein und schnell wird klar: Das hier ist Punk.

Zur finalen Steigerung entert Sänger Hendrik Otremba als Letzter die Bühne und präsentiert sich als Ian-Curtis-Lookalike. Das passt. Dass der Mann Charisma hat, weiß man ja, aber das er nur seitlich zum Schlagzeug stehen muss und die Mädels in den ersten Reihen werden nervos, das ist dann doch beeindruckend. Es werden viele Selfies geschossen. Die Band aus Münster hält sich nicht lange mit Kleckerkram auf und fährt von Anfang an Brett. Deutsche Texte, deutsche Punk-Vergangenheit, etwas Noise und englische Wave-Attitüde – Messer haben die Summe ihrer Teile gefunden.

Und sie sind gut drauf, was Sänger Hendrik betont: „Wir waren jetzt eine Woche in China unterwegs und haben eine 24-Stunden-Reise hinter uns. Eigentlich dachten, wir, dass wir heute total kaputt sind. Aber wir sind alle total gut drauf und freuen uns, ein Konzert spielen zu dürfen!“ Die Freude beruht auf Gegenseitigkeit. Spätestens ab dem dritten Song ist die proppelvolle Kleine Frieheit hin und weg und feiert den hitzigen Neo-Punk der Westfalen.

Irgenwann um Mitternacht ist auch dieses Konzert vorbei und damit Tag 1 des Popsalons. Ein mitreißender Auftakt, eine tolle Kombination aus Basel und Münster. Heute, das raunte man sich gestern unter Kennern zu, muss man unbedingt Blaudzun sehen, Bilderbuch und James Hersey. Wie der Popsalon weiter gegangen ist, steht dann morgen an dieser Stelle.

[sc:autor ]Text & Fotos Mario Schwegmann[sc:div_autor ]